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Wenn alljährlich der Fanfarenklang den Countdown zu den Aufführungen in der Freilichtbühne Rosengärtchen und im Lottehof einleitet und die Altstadt mit einschlägigen Werbebannern bestückt ist, dann weiß man: In Wetzlar ist Festspiel-Saison. Seit diesem Sommer haben die Festspiele mit Frank Mignon einen neuen organisatorischen Leiter. Der langjährige Organisationsleiter Miguel Marcos Navas, der seit 1992 die Geschicke der Festspiele gelenkt hat, hat sich nach 34 Jahren mit 66 in den wohlverdienten Festspiel-„Ruhestand“ verabschiedet.
Frank Mignon ist in Wetzlar kein Unbekannter. Seit nun mehr gut drei Jahrzehnten begleitet der Entertainer – meist mit seiner Bühnenpartnerin Anita Vidovic - musikalisch und als Moderator zahlreiche Events in der Region, Empfänge, Feste, Galashows, Bälle oder jüngst die Eröffnung des neugestalteten Domblickbades. Und: Mit seinem Programm „Frank und die netten Nachbarn“ steht der 56-Jährige selbst seit einigen Jahren regelmäßig auf der Festspiel-Bühne, kennt also auch die Künstlerseite aus dem Effeff.
Frank Mignon
Frank Mignon freut sich über seine neue Tätigkeit als Festspielleitung. Hier mit Blick auf die Kulisse es Musicals Cabaret im Rosengärtchen. © Sabine Glinke
Entsprechend wenig überraschend ist es, dass der Vorstand des Festspielvereins um dessen Vorsitzenden Dieter Lefèvre und seine Mitstreiter/innen in der Findungskommission, Oberbürgermeister Manfred Wagner (SPD) als zweiter Vorsitzendem, dem einstigen Oberbürgermeister Wolfram Dette sowie Petra Weiß auf Frank Mignon als geeigneten Kandidaten kamen und ihn schließlich im vergangenen Herbst neben weiteren Mitbewerbern ansprachen, ob er die Aufgabe von Marcos Navas übernehmen wolle. Ob er das selbst auf der Agenda gehabt habe? Nun – er habe es im Gespräch mit seinem Vorgänger wohl irgendwann mal erwähnt, dass er sich das durchaus vorstellen könnte, gibt er im Interview eher bescheiden zu Protokoll. Wichtig sei ihm gewesen, dass er seine künstlerische Tätigkeit weiter uneingeschränkt ausüben könne. Das passe gut, denn im Sommer, zur Hauptspielzeit der Festspiele, sei es etwas ruhiger mit den Buchungen da viele Institutionen sich dann in der Sommerpause befinden.

Lernen und laufen lassen

Doch Mignon ist nicht nur für die Position geeignet, weil er in der Region super vernetzt ist und scheinbar alles und jeden kennt. Er bringt darüber hinaus einen kaufmännischen Background mit, eine Tatsache, die ihm bei Kalkulationen und Budgetplanungen durchaus entgegenkommt. Und er ist ein Diplomat: Einer, der zwar immer einen bissigen Spruch auf den Lippen hat, aber dennoch einer, der politische und gesellschaftliche Gegebenheiten sowie persönliche „Befindlichkeiten“ einzuschätzen und zu moderieren weiß. Ein Grund, warum er in seiner ersten Saison als Festspiel-Organisationsleiter vieles erst einmal laufen lässt. „Wer bin ich denn, dass ich als Neuer hierherkomme und erstmal allen Leuten, die hier seit Jahren die Arbeit machen, sage, was sie tun und lassen sollen?“ Die Leute arbeiten hier seit Jahren in funktionierenden Teams und kennen die Abläufe viel besser, ich bin doch derjenige, der erst einmal alles lernen muss“ sagt der 56-Jährige.
Benjamin Dehmer am Rechnikarbeitsplatz
Blick über die Schulter von Benjamin Dehmer vom Technikarbeitsplatz im Lottehof. © Sabine Glinke

Und so ist es auch. Während wir das Interview im Backstage-Bereich des Rosengärtchens führen, beginnt das Cateringteam mit dem Anrichten des Büffets für die Künstler und deren Crew. „Cabaret“ steht an diesem Abend auf dem Programm. Draußen im Rosengärtchen sind bereits die jungen Aushilfen mit dem Aufbau beschäftigt, Banner müssen gehängt werden, die Technik verkabelt. Für die technische Leitung der Festspiele zeichnet die Firma CB Akustik mit Sitz in Dalheim verantwortlichNeben der Bedienung der Licht- und Tontechnik und dem Aufbau derselben gehört zum dem Job auch die komplette Vorplanung der Veranstaltungen sowie die Koordinierung der Helfer. Es gibt immer zu tun: Lampen aufhängen und ausrichten, Boxen aufstellen, alles verkabeln, Stühle stellen (bei Events im Lottehof), Bühne fegen, Banner von Werbepartnern aufhängen. Und: Die geleisteten Stunden der Aushilfskräfte erfassen und ins System eintragen. Eine übersichtliche App-Lösung leistet hierbei gute Dienste.

Frank Mignon ist in all dem täglichen Gewusel während der Festspiel-Hauptsaison derjenige, der den Überblick behält und der Kommunikator zwischen all den verschiedenen Gewerken, zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen, dem Vorstand, den Besuchern, der Politik. „Ich muss mal kurz los“, unterbricht er in diesem Moment das Interview, „ich muss mal das Taxi der Intendantin auslösen“. Evangelia Sonntag ist heute aus Berlin angereist, ab Frankfurt fahren wegen eines Brandes im Stellwerk keine Züge, daher ist heute das Taxi das Reisemittel der Wahl. „Auch das gehört zu meinen Aufgaben“, lächelt Mignon, als er 15 Minuten später ins Rosengärtchen zurückkommt.

Wetterentscheidung ist eine Herausforderung

Die größten Herausforderungen bei den Festspielen? „Die tägliche Wetterentscheidung!“ findet Mignon. „Wie du auch entscheidest, aus Sicht des Publikums machst du es eh immer falsch“. So stieß etwa die Entscheidung, das Konzert mit Pe Werner wegen der anhaltenden extremen Hitze in die klimatisierte Stadthalle zu verlegen, nicht bei allen auf Gegenliebe und Verständnis. Die Entscheidung muss in der Regel am Vormittag, manchmal auch schon am Vortag fallen, je nachdem, wie aufwändig die Aufbauten und das Bühnenbild der Produktion sind. Frank Mignon vergleicht verschiedene Wetterseiten und telefoniert bei unklarer Wetterlage auch schon einmal direkt mit dem Deutschen Wetterdienst in Offenbach.
Der letzte Feinschliff bei "Frank und die netten Nachbarn" wird gemacht.
Der letzte Feinschliff bei "Frank und die netten Nachbarn" wird gemacht. © Sabine Glinke
Ebenfalls herausfordernd sei, dass parallel zur laufenden Festspielsaison bereits die nächste gebucht werden müsse. Während Intendantin Evangelia Sonntag für das Hauptprogramm alleine verantwortlich zeichne, ist Mignon als Organisationsleiter auch für das Rahmenprogramm zuständig. „Zum Glück sind hier viele Programmpunkte gesetzt“, sagt er, denn etwa die Schulen wie die Wetzlarer Goetheschule oder die Schwingbachschule in Rechtenbach beteiligten sich jedes Jahr mit Produktionen ihrer AGs.
Doch auch, wenn Frank Mignon dem Grundsatz: „Never change a running system“ („lass ein funktionierendes System so weiterlaufen“) folgt, hat er natürlich Ideen für die Zukunft und die Weiterentwicklung. Eine davon ist, die Organisation künftig auf mehrere Schultern zu verteilen. „Es kann nicht nur diesen Einen geben, der alles Wissen in sich vereint und ohne den nichts geht“.

Miguel Marcos-Navas: 34 Jahre Festspiele

Und was mit seinem Vorgänger – ist der schon ganz „weg“? „Nein“, schmunzelt Mignon, „Miguel ist mein wichtigster Berater“. Einmal in der Woche haben die beiden Jour fixe – und besprechen alle Fragen, die bei dem „Neuen“ aufgekommen sind. Hier ist wertvolles Wissen gesammelt – denn niemand hatte bei den Wetzlarer Festspielen jemals so lange einen Posten inne wie Miguel Marcos Navas. 1992 nach der Jubiläumssaison übernahm er die Geschicke der Festspiele und leitete sie bis 2025. Er hat viele kuriose Geschichten erlebt, an zwei erinnert er sich aber ganz besonders. 1994 wurde „Der fröhliche Weinberg“ aufgeführt. Kurt Müller-Graf spielte einen Beschwipsten, der auf der Bühne fröhlich rumtorkelte. Dabei verlor er die Kontrolle und stürzte von der Bühne. Diese war damals im Rosengärtchen noch 1,60 Meter hoch. Er kam zwar mit beiden Füßen auf den Boden auf und spielte seine Rolle weiter. Er hatte sich aber beide Beine gebrochen. Marcos Navas erinnerte sich während seiner letzten Saison: „Die Zuschauer merkten nichts davon, denn durch seine Rolle konnte er torkelnd von zwei anderen Schauspielern wieder auf die Bühne gehoben und von der Bühne begleitet werden.
Blick ins Rosengärtchen
Blick ins Rosengärtchen © Tourist-Information Wetzlar

Der Regisseur und ich merkten sehr wohl, dass etwas nicht in Ordnung war. Ich habe vorsorglich die Malteser gerufen, die Müller-Graf ins Krankenhaus brachten. Dort stellte man die Brüche fest. Müller-Graf wurde am nächsten Tag in Begleitung seiner Frau per Liegendtransport heimgefahren“. Auch Regressforderungen seitens Publikum sah sich das Team schon gegenüber: „Eine Zuschauerin im Lottehof hat sich an der Abendkasse beschwert, dass ein Vogel seine Hinterlassenschaft auf ihrer Hose hat fallen lassen. Sie fragte ob wir die Reinigung bezahlen würden. Mein Mitarbeiter fragte sie, ob sie den Vogel fotografiert hätte? Sie verneinte und mein Mitarbeiter sagte zu ihr, dass man ohne Täterbeweis nichts machen könne.“

Auch Frank Mignon hat seit der Übernahme schon alles erlebt: Von Gewitter mit Starkregen und Hagelsturm, das zahlreiche Baunzaunfelder im Rosengärtchen hat umstürzen lassen bis hin zu einer Theatergruppe, die kurzfristig mit einer anderen Produktion als der gebuchten anreisen wollte. „Es gibt bei so einem Job nichts, was es nicht gibt“. Warten wir ab, was er in einigen Jahren alles an Anekdoten zu erzählen weiß.

Tipps vom Organisationsleiter

Wer die Wetzlarer Festspiele in der laufenden Saison noch besuchen will, der hat noch zahlreiche Gelegenheiten, denn längst nicht alle Events sind ausverkauft. Frank Mignon verweist etwa auf den Dürrenmatt-Klassiker „Der Besuch der alten Dame“ am 4. Juli im Rosengärtchen oder auf den Kabarett-Abend mit H.G. Butzko am Sonntag, 5. Juli, im Lottehof. Sein ganz persönlicher Tipp: „Kiki vom Montmartre“ mit Nini Stadlmann am 28. Juli, ebenfalls im Lottehof. Die Kurzbeschreibung: In ihrem aktuellen Bühnenprojekt hat Nini Stadlmann in der Regie von Katja Wolff die Operette „Kiki vom Montmartre“ völlig neu überarbeitet. Herausgekommen ist dabei eine Operette für eine Sängerin, die macht, was sie will.

Programm, Tickets & Erreichbarkeit

Eine Übersicht über alle Veranstaltungen gibt es unter: www.wetzlarer-festspiele.de. Dort sieht man auch direkt, für welche Events es noch Tickets gibt. Diese bekommt man im Internet unter www.eventim.de, bei der Tourist-Information am Domplatz zu deren Öffnungszeiten sowie direkt bei den Festspielen per E-Mail unter: wetzlarer-festspielet-onlinede. Wer möchte kann auch eine telefonische Bestellung unter der Karten-Hotline 06441-22601 vornehmen. Und wie steht es um die Erreichbarkeit, etwa mit dem Rollstuhl oder mit Einschränkungen? Das Rosengärtchen und der Lottehof sind barrierefrei zugänglich. Rollstuhlfahrer sollten sich jedoch beim Veranstalter anmelden und ein entsprechendes Ticket buchen. Fürs Rosengärtchen nutzen Rollstuhlfahrer den Eingang in der Wöllbachertorstraße. Sie können bis zur Treppe fahren – dort holen Mitarbeiter sie ab und bringen sie über den Totenweg zu ihrem Platz. Im Lottehof können Rollstuhlfahrer selbstständig ihren Platz aussuchen. Frank Mignon weißt darauf hin, dass die Spielstätte zwar barrierefrei ist, das Kopfsteinpflaster aber dennoch beschwerlich sein könnte. Parkplätze gibt es in fußläufiger Nähe ausreichend – empfohlen seien hier das Parkdeck an der Stadthalle oder die Parkplätze an der Hauser Mühle/auf der Zwack’schen Lahninsel. Ein Stadtplan mit Parkplatzübersicht steht auf der Festspiel-Webseite zum Download bereit.