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In der Krämerstraße 12 in der Wetzlarer Altstadt dreht sich seit Kurzem alles sprichwörtlich ums Holz. In das bisherige Ladengeschäft in dem altehrwürdigen Gebäude sind „Die Rundmacher“ eingezogen und die machen wörtlich genommen alles rund. Der Verein zur Förderung des Drechselhandwerks Wetzlar existiert seit April 2021, seit dem Herbst 2022 zeigen die Rundmacher in ihrer Werkstatt in Wetzlar das Drechselhandwerk in nahezu allen Facetten.
Die Rundmacher bringen wieder Leben in das Haus in der Krämerstraße 12.
Die Rundmacher bringen wieder Leben in das Haus in der Krämerstraße 12. © Sabine Glinke

War der Verein bisher in der Langgasse 37 ansässig, sind die Rundmacher kürzlich umgezogen. Das neue Domizil der Holzverarbeiter in der Krämerstraße 12 (gegenüber Juwelier Palm) öffnet offiziell erstmals am Samstag, 4. Oktober, seine Pforten für die Besucher. Doch schon seit Mitte September herrscht hier geschäftiges Treiben, schließlich mussten eine Menge schwerer Maschinen, Werkbänke und Materialien hierher umziehen. Ein Kraftakt für die Mitglieder rund um den Vorsitzenden Heinz Burkert und Schatzmeister Manfred Spüler, die den Wetzlar Tipps ein paar Tage vor „Eröffnung“ ein paar Einblicke in den neuen Drechsler-Treffpunkt geben. Eröffnung in Anführungszeichen, weil es zunächst keine offizielle Eröffnungsfeier gibt – „am Samstag machen wir einfach das erste Mal auf“, berichtet Heinz Burkert, der mit seinen 80 Jahren der Initiator und Kopf der ganzen Unternehmung ist.

Das Drechseln als Passion

Burkert ist gelernter Schreiner, betrieb eine eigene Werkstatt und arbeitete zuletzt als Möbelkaufmann. Holz als Werkstoff fasziniert den Rentner seit eh und je. Und so ergab es sich eines Tages beim Spaziergang mit Frau und Hund, dass er das Holz eines am Weinberg gefällten Kirschbaumes bewunderte und mit dem zuständigen Forstwirtschaftler ins Gespräch kam. Aus so einem wunderbaren Stück Holz müsse man doch etwas Tolles erschaffen können? Die Idee bei Heinz Burkert war geboren: Ich will das Drechselhandwerk lernen! Seinen Lehrmeister fand er in Wolfgang Schliffer aus Edelsberg, der seit 2010 drechselt und Kurse gibt. Drei Monate ging Heinz Burkert bei Schliffer in die „Lehre“. Das Drechseln wurde schnell zu seiner Passion.

Wenn Heinz Burkert drechselt, fliegen die Späne, was das Zeug hält.
Wenn Heinz Burkert drechselt, fliegen die Späne, was das Zeug hält. © Sabine Glinke

Die Idee, das alte Handwerk auch anderen nahezubringen, reifte mehr und mehr heran. Doch wie umsetzen? Ein Gespräch mit Wetzlars Bürgermeister Andreas Viertelhausen und dem Chef der städtischen Wirtschaftsförderung, Rainer Dietrich, brachte Klarheit: Ein Verein musste her. Und so entstand der Verein zur Förderung des Drechselhandwerks Wetzlar. Wetzlar und vor allem die Krämerstraße sind mit dem Drechslerhandwerk eng verbunden: August Bebel, der Mitbegründer der Sozialdemokratie, war gelernter Drechsler. Seine Ausbildung absolvierte er in einem Betrieb in der Krämerstraße. Bebel betrieb als Handwerksmeister einige Jahre sogar eine eigene Drechslerwerkstatt.

Was macht ein Drechsler?

Doch was macht eigentlich ein Drechsler? Drechseln ist „ein zerspanendes Fertigungsverfahren besonders für Holz, seltener auch für Horn, Elfenbein, Bernstein, Alabaster, Speckstein, Serpentinite, Kunststoffe“ (Quelle: Wikipedia). Das Werkstück dreht sich, und das Werkzeug wird daran entlanggeführt, um die gewünschte Kontur zu erzeugen. Die Technik ist bereits seit der Antike bekannt. Drechseln ist also die rotationsmechanische Bearbeitung vor allem von Holz. Das Werkstück wird zentrisch bewegt, während der Drechsler mit eisernen Werkzeugen Material innen und außen abnimmt. So entstehen nützliche Werkstücke wie Spinnräder, Schalen, Töpfe, Stühle, Tischbeine, geschwungene Treppengeländer, in jüngerer Zeit aber auch zunehmend Kunstwerke.


Alte Handwerkskunst erhalten und näherbringen

An diesen Drechselmaschinen finden die Kurse des Vereins statt.
An diesen Drechselmaschinen finden die Kurse des Vereins statt. © Sabine Glinke

Und was tut der Verein, der mittlerweile 61 Mitglieder zählt, aktive Drechsler/innen genauso wie Förderer, denn genau? Ziel ist es, Interessierten die ersten praktischen Schritte des Drechselhandwerks nahezubringen. Gleichzeitig können die Mitglieder ihrem Hobby des Drechselns gemeinsam nachgehen, sich austauschen und ihre besten Werke ausstellen – und bestenfalls ein paar der Stücke verkaufen. Außerdem soll die alte Handwerkskunst am Leben erhalten werden. „Fast niemand arbeitet heute noch hauptberuflich als Drechsler“, sagt Manfred Spüler, der von Haus aus Biologe ist und das alte Handwerk autodidaktisch gelernt hat, „für die Meisten, die das betreiben, ist es Hobby oder maximal Nebenerwerb“. Kein Wunder, denn wenn man die filigranen Kunstwerke betrachtet, die die Rundmacher in ihren Räumen ausstellen, dann kann man nur erahnen, wie viele Stunden Arbeit in den jeweiligen Unikaten steckt – egal, ob kunstvoll geschwungene Schale, bauchige Vase oder gemaserte Gewürzmühle. Würde man hierfür den Preis verlangen, den man ob der Arbeitsstunden verlangen müsste – „das würde hier in Wetzlar niemand bezahlen“, sagt Heinz Burkert und zeigt eine massive Schale aus Nussbaumholz, das derzeit teuerste Stück in der Auslage. „Es ist aber auch etwas ganz Besonderes, schauen Sie mal auf die Maserung“. Seine Passion für Holz merkt man ihm deutlich an, wenn er einem die Stücke zeigt, die er und seine Vereinskollegen gefertigt haben. Und auch, wenn der Verkauf der Objekte durchaus eine Geldquelle für den Verein ist - die Mitglieder geben zehn Prozent des Verkaufspreises als Spende an den Verein ab, wenn hier im „Vereinsheim“, wie Manfred Spüler die Räume in der Krämerstraße nennt, etwas verkauft wird - ums Geld geht es hier niemandem. „Mindestlohn kriegen Sie damit jedenfalls nicht“, lacht Spüler.

Im "Vereinsheim" in der Krämerstraße findet sich auch jede Menge Lehrmater
Im "Vereinsheim" in der Krämerstraße findet sich auch jede Menge Lehrmaterial. © Sabine Glinke

Dennoch: Der Verein hat natürlich Ausgaben, die irgendwie gedeckt werden müssen. Zwar bekommen die Rundmacher die neuen Räume in der Krämerstraße zu einem günstigen Mietpreis, der Verein wird auch von der Stadt Wetzlar unterstützt und erhielt zur Eröffnung 2022 einen einmaligen Zuschuss des Landes Hessen, aber dennoch müssen die Kosten irgendwie wieder reinkommen. Neben den Beiträgen der Mitglieder und der Beteiligung an den Verkäufen der Kunstwerke derselbigen sowie der Förderung durch die Stadt erzielt der Verein Einnahmen durch Kurse. Teamevents kann man bei den Rundmachern buchen, außerdem gibt es regelmäßig über die Volkshochschule Schnupperkurse, die an den modernen Drechselmaschinen des Vereins stattfinden. Zahlreiche heimische Unternehmen unterstützen die Rundmacher als Sponsoren. Auf die Mitgliedschaft der Tischlerinnung Lahn-Dill sind die Rundmacher besonders stolz. Gleichzeitig bieten sie die Möglichkeit, dass Schreinerlehrlinge in der Werkstatt in das Drechslerhandwerk hineinschnuppern können. Ein Angebot, das noch häufiger genutzt werden könnte, findet Heinz Burkert.


Haus Krämerstraße 12 mit langer Geschichte

Der Umzug ist für die Rundmacher, die zuletzt deutlich den generellen Kundenrückgang in der Langgasse spürten, eine glückliche Fügung nach längerer Suche nach einem neuen Standort. „Das Gebäude ist wirklich ein Glücksgriff“, sind sich die beiden Rundmacher über das denkmalgeschützte und liebevoll restaurierte Gebäude einig. 1654 erbaut, firmierte es ab vermutlich 1893 lange unter dem Namen „Medizinal Drogerie St. Georg“, in dem freigegebene Apotheken- und Drogeriewaren und später auch photographische Artikel vertrieben wurden. 1986 erwarb ein Weinhändler das Haus und nutzte den Laden unter dem Namen „Weinhaus am Eisenmarkt“ zum Weinverkauf. Die heutige Eigentümerfamilie, die das Haus 2011 erwarb, sanierte das Haus liebevoll unter Berücksichtigung der vielen entdeckten historischen Elemente und gab ihm die heutige Gestalt. Zuletzt war hier ein Dessous-Geschäft ansässig.

Jeden Samstag geöffnet

Von der Krämerstraße aus kann man bereits durch die bodentiefen großen Fenster Einblick in das Geschehen im Inneren des hohen Raumes nehmen und bereits aus der Fußgängerzone die Regale und Vitrinen mit den Ausstellungsstücken erspähen. Links steht die Schau-Drechselbank, hier soll immer zu den Öffnungszeiten auch etwas passieren. So wie am Tag unseres Besuches, als Heinz Burkert die Späne an der Drechselbank nur so fliegen lässt und ein bisher eckiges Stück Holz in kürzester Zeit Rundungen bekommt. Etwas „rundmachen“ – das ist eben die Passion der Rundmacher. Die Wetzlarer Rundmacher verfügen über viel Lust und Freude am Handwerk. Sie haben sich die Fertigkeiten meist autodidaktisch oder in Kursen namhafter Drechslermeister angeeignet und brennen darauf, ihre Begeisterung fürs Drechseln weiterzugeben. Wenn in der Drechslerei die Späne fliegen, ist Publikum deshalb hochwillkommen. Erstmalig geöffnet haben die Rundmacher am Samstag, 4. Oktober. Die Rundmacher laden ab dann jeden Samstag von 10 bis 16 Uhr Wetzlarer und Besucher der Stadt in ihre Werkstatt ein. Nicht nur zum Zuschauen, sondern auch zum Mitmachen. Beim Wetzlarer Gallusmarkt vom 16. bis 19. Oktober sind die Rundmacher ebenfalls am Start: Von Freitag bis Sonntag ist nicht nur die Werkstatt geöffnet, sondern es gibt auch die beliebten Kartoffelpuffer mit Apfelmus, die schon in der Langgasse die Besucher überzeugt haben. Doch dabei soll es nicht bleiben: Geht es nach dem Vorsitzenden, sollen noch häufiger Öffnungszeiten angeboten werden, etwa im Rahmen von Stadtführungen oder Ähnlichem. „Wir möchten der Stadt auch etwas zurückgeben“, sagt Burkert.

Informationen, Termine und Kontakt zu den Rundmachern gibt es im Internet unter: https://die-rundmacher.de/