Eine echte „Vin-Vin“-Situation
Der ein oder andere mag jetzt stutzen: Obernhof? Das liegt doch in Rheinland-Pfalz? Was hat das mit Wetzlar zu tun? Und seit wann wächst an der Lahn überhaupt Wein? Fragen über Fragen. Und die Antworten sind einfacher als gedacht. Tatsächlich wird der Lahnwein von einem Wetzlarer gekeltert. Dahinter steckt der erst 25-Jährige Wilhelm Süß – und der stammt aus Wetzlar. Wie der Zufall es wollte, bekam er die Gelegenheit, ein Weingut in Obernhof zu übernehmen. Damit ging für den angehenden Winzer ein langgehegter Traum in Erfüllung. Wein ist Wilhelms Passion. Schon vor der Übernahme des Weinguts führte der Sohn des langjährigen Wetzlarer Pfarrers Jörg Süß neben seinem Studium des Studiengangs Weinbau & Oenologie in Geisenheim am Rhein einen kleinen Weinhandel in Wetzlar, baute dafür den alten Stall seiner Großeltern zum Weinlager um, veranstaltete Weinproben, etwa im Dunkelkaufhaus in Wetzlar oder der Käsescheune in Hungen. Außerdem sorgte er für den Weinausschank auf verschiedenen Veranstaltungen wie etwa der Gründungsmesse Mittelhessen in Gießen. Seit August 2024 führt er nun das Bio-Weingut Schreiberlay in Oberndorf. Sein Ziel sei schon immer gewesen, ein eigenes Weingut zu führen, schreibt Süß am 11. August 2024 dazu auf dem Instagram-Profil des Weinhandels, dessen Webseite mittlerweile stillgelegt ist. „Es ist schneller Realität geworden, als ich es mir hätte träumen lassen“, schreibt Süß weiter. Daher war es für ihn überhaupt keine lange Überlegung wert, als sich die Gelegenheit durch Zufall bot.
Übernahme des Weinguts im August 2024
Auslöser war ein Wochenendkurs zum Thema Trockenmauern. Kursleiter war der Biologe Helge Ehmann, der das Weingut Schreiberlay 1996 gegründet hatte und seitdem betrieb. Die beiden kamen ins Gespräch, und schließlich besuchte Wilhelm Süß Helge Ehmann im Dezember 2023 in Oberndorf. „Als ich mit Helge über den Goetheberg gelaufen bin und die verschiedenen Terroirs der von Helge produzierten Weine erlebt habe, war ich sofort begeistert“, erzählt er im Gespräch mit den Wetzlar Tipps. Der aus dem Französischen stammende Begriff Terroir bezeichnet das Zusammenspiel von Klima, Boden, Topografie und menschlichem Einfluss, das einem Wein seinen unverwechselbaren Charakter verleiht. Als Helge Ehmann ihm dann eröffnete, dass er das Weingut aus Altersgründen abgeben wolle, zögerte er nicht lange. „Ich habe dann zunächst bei Helge mitgearbeitet und einige Projekte umgesetzt“. 2024 im August übernahm Wilhelm Süß dann das Weingut. Bis heute wird er von Helge Ehmann, der nebenan im historischen Winzerhaus lebt, in dem Süß auch den alten Weinkeller für die Lagerung der reifenden Fässer nutzt, noch tatkräftig unterstützt. Während im alten Weinkeller im Winzerhaus von die Fässer lagern, stehen die großen Pressen und Edelstahltanks in den Räumen des Weinguts, das ursprünglich mal eine Metzgerei war. Hier passieren gleichermaßen die Verarbeitung der Trauben wie auch das Verpacken und der Versand. Im ehemaligen Verkaufsraum hat Wilhelm Süß eine kleine Vinothek eingerichtet, in der Sonderevents und Ausschänke stattfinden – so ganz „ohne“ kann der Wetzlarer dann doch nicht.
Am liebsten ist er jedoch draußen, oben in den Weinbergen, die er uns bei einer kleinen Rundfahrt zeigt. Hier oben ist die Luft frisch und der Ausblick aufs Kloster und die Lahn phänomenal. Jede Lage hat ihren eigenen Namen und ihre Besonderheit. Opa Paul heißt so, weil einer der früheren Bewirtschafter eben Paul hieß. Dort stehen noch 1200 Rebstöcke des 1929 gepflanzten wurzelechten Rieslings. Auf den alten Reben werden, so lange es noch möglich ist, zwei Fruchtruten angeschnitten, die im Frühling zu den klassischen Herzchen gebogen werden. Gebunden wird traditionell mit Weidenruten.
Mönche brachten den Weinanbau ins Lahntal
„Lahn und Wein – das ist ein eher ungewöhnliches Thema“, weiß der Wetzlarer Süß. „Man hat das gar nicht so auf dem Schirm“. Dabei sind die steilen Hänge rund um Obernhof prädestiniert für den Weinbau. „Weinbau gibt es hier schon seit vielen hundert Jahren“ weiß Süß. Quellen zufolge gehe dieser auf die Mönche des gegenüberliegen Klosters Arnstein zurück. 1139 sollen die Mönche die ersten Reben angepflanzt haben.
Die Weinlage Obernhofer Goetheberg wurde erstmals 1319 urkundlich als Weinberg erwähnt. Doch der Weinanbau in Obernhof hat nicht immer beziehungsweise nicht durchgängig geblüht. Erst die Flurbereinigungen der vergangenen Jahren schaffte neue Grundlagen, den Weinbau hier an den Steil- und Steilhängen über der Lahn auch wirtschaftlich zu betreiben. Bis dahin waren einige früheren Lagen wie etwa Adel Hahn der Waldwirtschaft gewichen. Wo vor einigen Jahren etwa noch Douglasien standen, stehen heute dank der Flurbereinigung in 2018 wieder Reben.
Biologische und nachhaltige Bewirtschaftung
Mit dem Weingut Schreiberlay verfolgt Süß zusammen mit seinem Vorgänger klare Ziele: „Wir setzen auf eine biologische und nachhaltige Bewirtschaftung mit dem Anspruch, im Einklang mit der Natur zu arbeiten und dabei zeitlose Weine hervorzubringen“. Nachhaltiger Anbau, schonende Verarbeitung und viel Leidenschaft prägen jede Flasche. Aspekte, die auch den Lahntal Tourismus Verband überzeugte. Unter dem Label Lahnwein gibt es insgesamt drei Weine des Jahrgangs 2025 aus dem Repertoire von Wilhelm Süß. Für alle eine echte „Vin-Vin“-Situation.
Die drei Lahntal-Weine:
- Der Lahntal Riesling trocken überzeugt mit seiner klaren, frischen Art. Ausgebaut im großen Holzfass – ohne dabei holzbetonte Aromen anzunehmen – profitiert er von einer besonders harmonischen Reifung.
- Der Lahntaler Cuvée trocken ist eine ausgewogene Weißwein-Cuvée aus Riesling und Müller-Thurgau. Fruchtig, leicht und vielseitig – ein idealer Begleiter für viele Gelegenheiten.
- Der Lahntal Rotling bringt mit seiner feinherben Note eine angenehme Frische ins Spiel. Die Cuvée aus Spätburgunder und Müller-Thurgau sorgt für ein lebendiges Geschmackserlebnis.
Preise & Öffnungszeiten
Alle Weine tragen ein einheitliches Lahntal-Etikett und sind in den Tourist-Informationen in Wetzlar, Gießen, Marburg, Weilburg, Nassau und Bad Ems erhältlich. Der Riesling und der Rotling kosten je 12 Euro pro Flasche, die Weißwein-Cuvée kommt auf 11 Euro.
Passende Wetzlar-Weißweingläser für 9,90 Euro gibt es auf Wunsch in der Tourist-Information Wetzlar ebenfalls dazu. Auf Grund der Zerbrechlichkeit und des schwierigen Versands sind die Wein und Gläser nicht im Online-Souvenirshop der Wetzlarer Tourist-Information erhältlich, sondern nur vor Ort am Wetzlarer Domplatz zu den Öffnungszeiten. Diese sind Montag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr, Samstag von 10 bis 14 Uhr. Von Mai bis September ist auch sonntags von 11 bis 15 Uhr geöffnet.
