Für die einen ist es Kunst, für die anderen muss es weg: An Graffiti scheiden sich die Geister. Tatsächlich mutiert die Kunstform im öffentlichen Raum immer wieder zu unschönen Schmierereien und damit zur Sachbeschädigung. Um diesem Umstand vorzubeugen und Graffiti als künstlerische Ausdrucksform zu unterstützen, hat die Stadt Wetzlar schon vor vielen Jahren Flächen freigegeben auf denen sich Sprayer ganz legal austoben dürfen. Zahlreiche offizielle Angebote für Jugendliche sorgen dafür, dass die StreetArt in der Stadt einen ganz besonderen Stellenwert bekommt. Und das macht die Domstadt zu einer Graffiti-Stadt, in der es viel zu entdecken gibt.
Der Ursprung geht bereits über 30 Jahre zurück. Immer wieder traten im Stadtgebiet rassistische oder sexistische Schmierereien auf. Aus dem Jugendforum wurde damals der Wunsch geäußert, städtische Wandflächen, die von Schmierereien betroffen oder bedroht waren, von Jugendlichen selbst gestalten zu lassen. Das Überstreichen mit heller Grundfarbe hatte oft zur Folge, dass an denselben Stellen erneut Probleme auftraten. In der Stadt Wetzlar wagte man also das Experiment, Graffitikunst als Prävention gegen illegale Schmierereien einzusetzen. Die Stadt Wetzlar bemüht sich seitdem zusammen mit dem Jugendbildungswerk, Graffiti als Kunstform auf legalen Flächen zu fördern. 1995 wurde die Graffiti-AG des Jugendbildungswerkes der Stadt Wetzlar ins Leben gerufen, damals unter der Leitung des heute auch international renommierten Künstlerkollektivs 3steps aus Gießen.
Fortan konnten Jugendliche in Wetzlar die Kunst des Sprayens unter fachkundiger Anleitung erlernen – die AG zeigte aber auch, welche Strafen bei illegalen Graffiti drohen. Legale Graffiti an städtischen Wandflächen, Fußgängerunterführungen und Bushaltestellen genießen in Wetzlar seitdem einen besonderen Stellenwert, was der Stadt einen guten Ruf bei der Sprayer-Szene einbrachte. Einige Graffiti und Flächen sind bis heute erhalten, an vielen Stellen ist jedoch auch viel Leben drin, da die Flächen immer wieder neu gestaltet werden, so etwa die Fußgängerunterführung am Neuen Rathaus zwischen Ernst-Leitz-Straße und Karl-Kellner-Ring, die zuletzt 2024 anlässlich des Jubiläums „30 Jahre Jugendforum Wetzlar“ in einer großen Graffiti-Aktion von Jugendlichen neu gestaltet wurde.
Für die WetzlarTipps haben wir uns auf Schusters Rappen aufgemacht und uns einmal in der Stadt umgesehen. Wo gibt es überall sehenswerte Graffiti und Straßenkunst? Welche Künstler und Kollektive haben diese geschaffen? Bei dem Rundgang haben wir so einiges entdeckt, was selbst Wetzlar-Kennern bisher verborgen geblieben ist. Wir starten den Rundgang am Bahnhof – beziehungsweise am danebengelegenen Busbahnhof und dem Parkplatz Bahnhof. Hier, an den Brückenpfeilern ist eine der ältesten Graffiti-Galerien Wetzlars zu finden – die teils schon etwas ausgeblassten Farben lassen darauf schließen, dass die Werke schon ein paar Tage älter sind. „Boys of Summer“ ist hier in großen Lettern etwa zu lesen. Das Bild stammt aus 2005 und wurde vom genannten Künstlerkollektiv 3steps angefertigt. 2006 wurden an einem Stützpfeiler außerdem „Funky Foxes“ verbildlicht – Informationen zu dem Werk sind keine zu finden.
Der Weg führt uns weiter über die Bahnhofstraße direkt an die Lahn auf die neue Uferpromenade des Lahntalradwegs R7 an den Lahngärten mit seinen modernen Kranhäusern. Läuft man dort stadtauswärts am Fluss entlang, erreicht man nach kürzester Zeit die Rückseite des B&B-Hotels gegenüber der Buderus-Arena. An der 100 Meter langen Stützmauer haben gleich zwei Sprayer-Teams von Wfdesign und Scid-Art Design ein buntes Bild erschaffen, das bekannten Wetzlarer Sehenswürdigkeiten zusammenrückt, aber auch die Flora und Fauna an der Lahn würdigt. Scid und seine Partnerin Harti sind in Wetzlar keine Unbekannten – sie spielen vor allem in der jüngeren Graffiti-Geschichte Wetzlars eine Rolle, sind sie doch als auch als Kursleiter für verschiedene Projekte der Jugendarbeit der Stadt Wetzlar aktiv und haben bereits andere Motive in der Stadt umgesetzt und etwa an Gebäuden wie der neuen Jugendherberge Hand angelegt. Das große Wandbild, das besonders von Radfahrern oder Wassersportlern auf der Lahn gut gesehen wird, zeigt neben typischen Wetzlarer Motiven wie Mikroskop und Leica-Kamera Sehenswürdigkeiten wie die Alte Lahnbrücke mit der Hospitalkirche, die Weltkugel am Leitz-Park oder die Kaskaden auf dem Alten Friedhof. Auch auch heimische Tierarten wie Eisvogel, Schwan und Nutria begrüßen hier die Paddler.
Die Route führt uns schließlich zurück stadteinwärts immer an der Lahn entlang – bis wir die „Hall of Fame“ erreichen. Das ist jene Wand nahe dem Naturbad Domblick zwischen Parkhaus Domblick und Best Western , die schon seit den 90ern für Sprühkunst legal freigegeben ist – und damit seit jeher Wetzlars sich am schnellsten wandelnde Outdoor-Galerie. Hier haben Sprayer gerade ein Denkmal für Sammy Baker gesetzt, der 2020 in Amsterdam von der Polizei erschossen wurde. Sein Tod löste kontroverse Diskussionen aus. Auch in der Einfahrt des Parkhauses Domblick findet sich Graffiti – die bunten Waben wurden ebenfalls von den 3steps gestaltet.
Ein riesiges Wandgemälde – und damit kein Graffiti – ziert die Rückwand des Adler-Parkhauses in Höhe des neugestalteten Domblickbades. Hier hat der Frankfurter Künstler und Designer Kai Staudacher auf 520 Quadratmetern Betonwand ein Kunstwerk geschaffen, das typische Schwimmbadszenen zeigt. In Staudachers Bildern dreht sich in der Regel alles rund um den Sport. Für den Kommunikationsdesigner war es das erste Wandbild dieser Größenordnung.
Unsere kleine Wanderung führt uns weiter an der Lahn entlang, unter der Alten Lahnbrücke hindurch und bis zum Festplatz Bachweide. Auch dort, an so manchen Pfeilern von Brücken über die Lahn, gibt es farbenfrohe Motive zu entdecken. Bei der Bachweide führt der Weg über die Fußgängerbrücke über die Lahn und vorbei am Stadion zur Lahninsel. Hier, ebenfalls an einem Brückenpfeiler, findet sich mit „Romans vs. Germanic“ ein Werk, das im Rahmen des „River Tales“-Festivals 2012 entstanden ist. Das StreetArt-Festival, das ebenfalls vom Künstlerkollektiv 3steps initiiert und kuratiert wurde, setzte die Neugestaltung von Stadt, Land und Fluss durch zeitgenössische urbane Kunst mit Street Art und Mural Art in den Fokus. Als Mural Art („Mauerkunst“) bezeichnet man
Die 3 steps zeichnen auch verantwortlich für zwei der wohl bekanntesten Mural Arts in Wetzlar: 2010 entstand das farbenfrohe Mauerkunstwerk am Enwag-Gebäude gegenüber des Neuen Rathauses in der Wetzbachstraße. Das kleinere Nebengebäude wird regelmäßig über Workshops des Jugendforums umgestaltet – derzeit sendet es eine mit Scid & Harti erarbeitete Friedensbotschaft in die Welt. Überhaupt ist die Wetzlarer Energie- und Wassergesellschaft (Enwag) für Graffiti bekannt: An zahlreichen Strom- und Wasserhäuschen im ganzen Stadtgebiet sind typische Wetzlarer Motive als Sprühkunst verewigt – von der Turbine im Mühlgraben, über die HSG Wetzlar bis hin zum Dompanorama.
Das berühmteste Graffiti Wetzlars befindet sich jedoch in der Altstadt: 2015 sprühten die 3 steps außerdem das „Werther Mural“, eine Hommage an Johann Wolfgang von Goethe, Charlotte Buff und den berühmten Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ an die Außenwand des Lottehofs in der Altstadt. Die überzogene farbige Darstellung der Einzelmotive stellt sowohl eine kontroverse als auch eine zeitgemäße Interaktion zu den umliegenden Fachwerkgebäuden dar. Das Werk ist eine zeitgenössische Interpretation der Geschichte und bringt Vergangenheit und Moderne zusammen.
Der kleine Rundgang ist nur ein Auszug aus den verschiedenen Graffiti im Stadtgebiet – es gibt noch viel mehr zu entdecken. Etwa an verschiedenen Bushaltestellen, an Schulen im ganzen Stadtgebiet oder an der Funsporthalle im Wetzlarer Westend. Natürlich werden illegale Schmierereien dadurch nicht komplett vermieden – das Thema Graffiti wertet aber Wetzlar deutlich auf und sorgt an so mancher tristen Wand für ordentlich Farbe und gute Laune. Fazit: Ist Kunst, darf auf keinen Fall weg!