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Wenn man als Mittvierziger den Begriff Jugendherberge hört, dann denkt man zurück an Klassenfahrten in den 90ern, an miefige Schlafräume, an Gemeinschaftsbäder, hallenartige Speisesäle mit Plastikstühlen, die Kellerdisco und wahrscheinlich an Hagebuttentee aus Thermoskannen. Doch das ist Vergangenheit. Längst hat sich das Konzept Jugendherberge deutlich gewandelt; immer mehr Häuser haben renoviert und bieten den Komfort eines modernen Hostels oder Mittelklasse-Hotels. Damit spricht das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH) längst nicht mehr nur Schulklassen an – sondern auch Familien, Jugendliche, junge Erwachsene oder alle anderen Junggebliebenen, die zwar etwas Komfort, aber keine Luxusausstattung suchen. Eine der jüngst vom DJH-Landesverband Hessen sanierten Jugendherbergen ist die in Wetzlar – seit Oktober 2024 erstrahlt der Gebäudekomplex an der Brühlsbacher Warte in neuem Glanz.
Über dem Dach von Wetzlar. Von der Dachterrasse hat man einen tollen Blick
Über dem Dach von Wetzlar. Von der Dachterrasse genießt man einen herrlichen Ausblick. © Sabine Glinke
Herzlich willkommen in der neugestalteten Jugendherberge Wetzlar
Herzlich willkommen in der neugestalteten Jugendherberge Wetzlar © Sabine Glinke

„Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie es hier früher aussah. Ich war erstmals hier drin, als das alles gerade Baustelle war“, sagt Paul Sarges. Sarges ist der neue Herbergsleiter. Zusammen mit einem 25-köpfigen Team führt der gelernte Hotelfachmann, der zuletzt in der Systemgastronomie gearbeitet hat, das Haus für den DJH. Das Team ist deswegen so groß, weil alle Aufgaben inhouse erledigt werden: Küche und Gastronomie, Haustechnik und Dekoration, auch ein eigenes Reinigungsteam ist am Start.

„Als ich die Ausschreibung des Jugendherbergswerkes gesehen habe, war klar, dass ich mich bewerbe, denn der Job vereint alles, was ich liebe“. Hotelfach trifft auf Gastronomie und Eventmanagement. Gleichzeitig biete der Job eine bessere Work-Life-Balance als die Tätigkeit in der Systemgastronomie und ermögliche ihm mehr Familienzeit mit den eigenen Kindern. „Wenn ich hier sonntags arbeite, dann kann ich meine Kids auch einfach mal mitnehmen“. „Ich bin Wetzlarer und möchte die Jugendherberge zu einem Begegnungsort für alle Wetzlarer machen und nicht nur für Menschen von außerhalb da sein, die zum Übernachten hier in die Stadt kommen“.

„Ich möchte die Jugendherberge zu einem Begegnungsort für alle Wetzlarer machen“ – Paul Sarges, Herbergsleiter

Freuen sich auf neue Gäste
Freuen sich auf neue Gäste: Herbergsleiter Paul Sarges (rechts) und Rebeka Balusa, Auszubildende im Büromanagement (rechts). © Sabine Glinke

Gastronomie ist Sarges‘ Steckenpferd, und daher liegt hier ein ganz besonderer Fokus. Neben den drei Mahlzeiten pro Tag, die den Gästen als Büffet angeboten werden, kann man in der Jugendherberge Wetzlar auch ein Cateringangebot in Anspruch nehmen. „Erst dieser Tage war eine Gruppierung der Wetzlarer Festspiele bei uns“. Geburtstagsfeiern, Trauercafés, Vereinstreffen, Tagungen und Workshops – all das ist hier neben dem Alltagsgeschäft mit Klassenfahrten und Jugendfreizeiten möglich. Möglich machen es ein separater kleiner Speisesaal mit knapp 40 Plätzen neben dem Hauptspeisesaal mit rund 80 Plätzen. Tagungs- und Gruppenräume in verschiedenen Größen, alle benannt nach den Wetzlarer Sehenswürdigkeiten, bieten umfassende Möglichkeiten. „Wer es familiär mag und nicht unbedingt den Flair eines Konferenzzentrums sucht, ist bei uns genau richtig“, sagt der Herbergsleiter. Man kann zwischen verschiedenen Catering-Paketen wählen, Beamer sind in allen Räumen vorhanden.


Wetzlarer Haus ist Ausbildungsbetrieb

Dass sich das Catering-Angebot der Jugendherberge nicht hinter den Mitbewerbern am Markt verstecken muss, darauf ist Paul Sarges besonders stolz. Während die meisten Herbergen die Küchen mit Hauswirtschaftern/innen bestücken, hat er drei Köche in Vollzeit angestellt. Gleichzeitig ist die Jugendherberge Wetzlar Ausbildungsbetrieb. „Die Jugendherbergen setzen verschiedene

Schwerpunkte“, erklärt Paul Sarges. „Wir sind vom Fokus her ein Ausbildungshaus, die Jugendherberge in Marburg, die im Herbst eröffnen wird, ist ein Inklusionshaus“.

Modernes Familienhotel mit Chic und Charme

Der Speisesaal punktet mit einem modernen Mobiliar und seiner Industrie-Charme-Optik. 8,5 Millionen Euro hat das Jugendherbergswerk in den Umbau des 1984 eröffneten Hauses in den Jahren 2023 und 2024 gesteckt – das sieht man deutlich. Wo früher Plastikstühle an steril wirkenden Tischen standen und Klinikatmosphäre herrschte, stehen heute moderne Kantinenmöbel, die Backsteinwände sind in einladenden Farben gehalten, statt Neonröhren tauchen moderne Lampen den Saal in gemütliches Licht. Leuchtzitate von Goethe lockern die Atmosphäre auf und Auch eine Außenterrasse gibt es.
Eine gemütliche Lounge: Das Kaminzimmer.
Eine gemütliche Lounge: Das Kaminzimmer. © Sabine Glinke
Blick in den gemütlichen Bistrobereich mit der Bembel- und Dippe-Sammlung.
Blick in den gemütlichen Bistrobereich mit der Bembel- und Dippe-Sammlung. © Sabine Glinke

Nebendran befindet sich der Bistrobereich mit 30 Plätzen im Industrie-Chic-Stil, Pflanzen, Lampen, historische Aufnahmen von Wetzlar und eine Sammlung mit hessischen Bembeln und „Dippe“ im typischen Grau-Blau sorgen für Wirtshausstil. Im Bistro sind ebenfalls alle zu den Rezeptionszeiten der Jugendherberge herzlich willkommen – wer sonntags zum Wandern hier oben über den Dächern Wetzlars oder auf dem angrenzenden Sportplatz beim Fußball ist, ist jederzeit herzlich auf einen Kaffee oder eine kalte Limonade willkommen. Auch der Rezeptionsbereich ist mit dem modernen Tresen und den Lounge-Möbeln einladend gestaltet. Man fühlt sich mehr in einem hippen Boutique-Hotel als in einer Jugendherberge. Und das will die Jugendherberge von heute sein: Ein modernes Familienhotel mit Chic und Charme, einfach aber trotzdem cool. Auch außen wurde nicht nur saniert, sondern auch ein optisches Highlight platziert: Bunte Graffitis der beiden Künstler Scid und Harti zieren einige Außenwände.

Zwei bis Sechsbettzimmer

Diese Linie setzt sich auch in den neugestalteten Zimmern fort: Zwei- bis Sechsbettzimmer werden angeboten. Dabei wurde vor allem auf eines geachtet: Mehr Platz und Bewegungsfreiheit, als es früher gab. Zwar bestehen die Sechsbettzimmer weiterhin primär aus Stockbetten, eine Empore mit zwei weiteren „normalen“ Betten sorgt aber für weniger Enge im Raum. „Das ist wichtig für die großen Jungs, die gerne die Füße aus dem Bett hängen lassen.“ Gemeinschaftsbäder am Flurende sind ebenfalls von gestern: Jedes Zimmer verfügt über ein eigenes Bad mit Toilette. Die Familienzimmer (4 oder 6 Betten) präsentieren sich ebenfalls äußerst geräumig, hier kann man an einem Regentag auch mal im Zimmer verweilen und ein Brettspiel spielen.

Aufenthaltsräume für alles Altersklassen

Dabei ist das gar nicht das Konzept der Jugendherbergen: Genutzt werden sollen hier vor allem die Gemeinschaftsräume. Neben dem Bistro gibt es das Kaminzimmer, ausgestattet mit Lounge-Möbeln, Billardtisch und Dartsautomat. Direkter Zugang zur Dachterrasse der Jugendherberge inklusive. Hier oben ist zwar noch nicht alles fertig – es kommen noch weitere Sitzmöbel hinzu, ebenso soll noch bepflanzt werden. Aber der Ausblick ist atemberaubend: So hoch oben thront man hier über Dom und Karlsmunt, dass Wetzlar fast wie eine Modellstadt wirkt. „Die meisten Jugendherbergen punkten durch ihre Lage“, weiß auch Paul Sarges. Ein Aspekt, bei dem der Wetzlarer Standort ganz klar eine Zehn von Zehn erreicht.

Das Spielzimmer bietet den ganz Kleinen einen Rückzugsraum.
Das Spielzimmer bietet den ganz Kleinen einen Rückzugsraum. © Sabine Glinke

Und wenn das Wetter nicht passt, um auf dem weitläufigen Areal draußen zu sein? Für die Jugendlichen gibt es ein eigenes Spielzimmer als Rückzugsort, hier kann an Airhockey, Flipperautomat und Tischkicker gezockt werden. Tischtennisplatte stehen ebenfalls im Haus zur Verfügung. Konsolen und Fernseher? – Fehlanzeige. „Bei uns soll analog gespielt werden“. Das setzt sich auch im Spielzimmer für die Kleinen fort: Bällebad, Bilderbücher, Holzspielzeug und Kuscheltiere bestimmen hier das Bild ebenso wie riesige Schaumstoffbausteine – ein gemütlicher Rückzugsort für Familien mit kleinen Kindern. Gibt es in der ganzen Jugendherberge wirklich keinen Fernseher?

„Doch“, verrät Paul Sarges, „der ist aber versteckt“. Und kommt nur bei besonderen Ereignissen wie etwa WM- oder EM-Spielen zum Einsatz, wenn das Gemeinschaftserlebnis beim Fernsehen im Mittelpunkt steht. Passend zum Motto des Jugendherbergswerkes: „Gemeinschaft erleben“.

Pädagogischer Ansatz ebenfalls wichtig

Der pädagogische Ansatz ist Sarges auch sehr wichtig: Wer sich auf Klassen- oder Jugendfahrt hier einbucht, muss direkt ein Aktionspaket wählen – zum Beispiel Kanufahren auf der Lahn oder verschiedene Ausflugspakete. „Kids muss man beschäftigen“, lacht er, „nichts ist schlimmer als ein Haus voller unausgelasteter Teenies“. Daher hat die Jugendherberge gleich mehrere Kooperationen geschlossen: Mit örtlichen Kanuverleihern, mit der Leica-Erlebniswelt oder der Grube Fortuna. Langfristig würde der Betriebsleiter gerne auch eine Pädagogikstelle schaffen.

Außenküche und Planetarium geplant

Doch auch der weitläufige Außenbereich lädt zur Nutzung ein. Hier gibt es nicht nur Fußballplatz- und Volleyballfeld, sondern auch einen Grillplatz mit Feuerstelle. In naher Zukunft soll noch eine Außenküche mit Palettenmöbel-Lounge entstehen. Und, als ganz besonderes Highlight soll ein kleines Planetarium in Form eines speziellen Zeltes entstehen. „Es ist noch einiges zu tun“, sagt Sarges, „aber das gehen wir jetzt nach und nach an“. Die Jugendherberge Wetzlar verfügt über 191 Betten in 43 Zimmern verschiedener Größenordnungen. Verschiedene großzügige Gemeinschaftsbereiche und breitgefächerte Cateringoptionen sowie ein vielfältiges Freizeitangebot sorgen für ein Angebot für Jung und Alt. Entsprechend positiv sind die Rezensionen im Netz seit der Wiedereröffnung. Für Tagungen und Seminare ist die Jugendherberge Wetzlar besonders geeignet. Ein abschließbarer Fahrradraum und eine E-Bike-Ladestation sind ebenfalls vorhanden.

Adresse & Infos

Jugendherberge Wetzlar
Richard-Schirrmann-Straße 3
35578 Wetzlar

Telefon: 06441-679050
E-Mail: jh-wetzlarjugendherbergede
Internet: wetzlar.jugendherberge.de